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Die Schweiz und die Flüchtlinge

Keine grundlegende Neubewertung durch die Bergier-Kommission

Die Bergier-Kommission legt einen umfangreichen Bericht zur Flüchtlingsfrage vor, dessen Hauptteil vier Beihefte ergänzen. Zu verschiedenen Aspekten werden neue Erkenntnisse vorgestellt oder alte präzisiert, ohne dass eine grundlegende Neubewertung erfolgt. Bedauerlich ist, dass die Studie in der Präsentation, aber auch inhaltlich einige Wünsche offenlässt.

tmn. Der zweite Teilbericht, den die Unabhängige Expertenkommission (UEK) unter der Leitung von Jean-François Bergier vorlegt, schliesst - anders als beim Goldbericht - ihre Forschungen in diesem Bereich ab. Das Thema ergab sich nicht zwingend aus dem Bundesbeschluss zur «Untersuchung des Schicksals der infolge der nationalsozialistischen Herrschaft in die Schweiz gelangten Vermögenswerte», erschien aber angesichts der internationalen Debatte geboten. Das ursprüngliche Mandat prägt aber auch den vorliegenden Teilbericht, insofern die Finanzierung der Flüchtlingspolitik, die vermögensrechtliche Situation der Vertriebenen und die Bemühungen zum Freikauf von Juden grossen Raum einnehmen und in diesen Bereichen wohl auch die meisten neuen Erkenntnisse vorliegen. Vorweg schon kann festgehalten werden, dass die Studie keine sensationellen Neuigkeiten enthält und auch nicht auf solche angelegt ist. Insbesondere zu den im Bewusstsein der Öffentlichkeit besonders wichtigen Zahlen abgewiesener und aufgenommener Flüchtlinge lässt sie sich nicht weiter aus als die bereits reiche ältere Literatur (vgl. NZZ 9. 12. 99).

Der Titel der Publikation lautet «Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus», womit sich schon zeigt, dass nicht nur die obrigkeitliche «Flüchtlingspolitik» behandelt, sondern diese mit dem Handeln von Schweizern und den Erfahrungen der zivilen Flüchtlinge zusammen betrachtet wird. Da wo immer möglich deren Erfahrungen und Sichtweise ausführlich dargelegt werden, überwiegt bewusst die Opferperspektive: Es geht nicht darum, das schweizerische Verhalten in einer schwierigen Situation zu rechtfertigen, sondern das Leiden der vom Nationalsozialismus Verfolgten zu vermitteln - soweit dies überhaupt möglich ist. Die internierten Soldaten und im Ausland verfolgte Schweizer kommen erklärtermassen kaum vor, auf das Schicksal von Roma und Sinti soll zu einem späteren Zeitpunkt eingegangen werden. Auch ein Vergleich mit der Aufnahmepraxis anderer Länder fehlt; erwähnt wird, dass von 1940 bis 1942 1519 Flüchtlinge weiterwanderten und davon 628 in die USA, die aber abwiegelnd darauf bestand, jedes Gesuch einzeln zu prüfen.

Die vier Teilberichte (vgl. separate Artikel) behandeln das Flüchtlings- und das Verordnungsrecht des Vollmachtenregimes, die Rolle von Schweizer Finanzinstituten bei deutschen Lösegelderpressungen in den Niederlanden, den Personentransfer der Eisenbahn und in einer Medienanalyse die Wahrnehmung der Flüchtlinge in der öffentlichen politischen Kommunikation. Der Hauptbericht erörtert in sechs Kapiteln Rahmenbedingungen und Grundlagen der Flüchtlingspolitik, Grenzkontrolle und -schliessung, die Aufnahme oder Rückweisung von Fliehenden, die erwähnten finanziellen Aspekte sowie die humanitäre Politik der Bundesbehörden.

Die Vorkriegspolitik

Die Darstellung setzt in der Völkerbundsära ein, als der Bund sich für die aus der Sowjetunion fliehenden «Nansen-Flüchtlinge» auch finanziell engagierte, während die vor dem Nationalsozialismus Flüchtenden während der dreissiger Jahre auf die Solidarität ihrer Glaubens- oder Gesinnungsgenossen angewiesen blieben. Nach erfolglosen Appellen an die Behörden, ihr Wirken materiell zu unterstützen, schlossen sich die verschiedenen Hilfswerke am 17. Juni 1936 zur «Schweizerischen Zentralstelle für Flüchtlingshilfe» zusammen. Wenig später verpflichteten sie sich zu loyaler Zusammenarbeit mit der Polizei, wofür ihnen der Bund einen jährlichen Beitrag von 20 000 Franken an die Weiterreise von Flüchtlingen zusprach.

Bis 1938 bestanden drei entscheidungsbefugte staatliche Organe nebeneinander: Für die politischen Flüchtlinge war die Bundesanwaltschaft zuständig und für die vor Kriegsausbruch eingetroffenen sogenannten Emigranten die Kantone, während die Polizeiabteilung des EJPD koordinierend wirkte und unter der Leitung Heinrich Rothmunds in den nächsten Jahren zunehmende Kompetenzen erlangte, da die Internierung von ab 1939 ankommenden «Zivilflüchtlingen», wie ihre bürokratische Bezeichnung im Unterschied zu den «Emigranten» lautete, zur Bundessache erklärt wurde. Gleichwohl blieb eine gewisse Kompetenzenverwirrung typisch, gerade auch mit für den Grenzschutz zuständigen militärischen Instanzen, zumal die Bundesbehörden stets mit föderalistischen Widerständen rechnen mussten und auch untereinander gegensätzliche Anliegen austarieren mussten. Dasjenige Rothmunds, der dabei allerdings grosse Teile der Behörden und der Bevölkerung hinter sich wusste, war der Kampf gegen «Überfremdung» und «Verjudung». Das Prinzip, die Schweiz könne Flüchtlingen nur als «Transitland» dienen, war während der ganzen Untersuchungsperiode unbestritten.

Gemäss diesem Prinzip wurde nach dem «Anschluss» Österreichs versucht, (meist jüdische) Schutzsuchende von der naheliegenden Schweiz fernzuhalten. Das Generalkonsulat in Wien verlangte 1938 «Ariernachweise» als Voraussetzung eines Visums, während gleichzeitig Konsularbeamte in Mailand, Venedig, Triest und Bregenz weisungswidrig Transitvisa abgaben. Die UEK erörtert in diesem Zusammenhang die weiter umstrittene Frage des «J»-Stempels. Sie hält fest, dass es beim Bund und im Kanton Waadt Dokumente gibt, die zwischen 1936 und 1940 mit einem «J» gestempelt wurden; dies sei weder kontinuierlich noch systematisch erfolgt, zeige aber eine behördliche Praxis, in die sich das Abkommen vom 29. September 1938 gut einfügte. Deutschland betrieb die Auswanderung seiner ausgeplünderten Juden und hatte entsprechend wenig Interesse an einer besonderen Kennzeichnung jüdischer Pässe, da dies potentielle Aufnahmeländer abschrecken musste. Gerade deshalb nämlich, um unerwünschte Immigranten zu identifizieren, wollte die Schweiz die generelle Visumspflicht für Deutsche einführen. Um dies zu verhindern, willigten die Deutschen ein, jüdische Pässe mit einem Merkmal zu versehen; nur damit und mit einer allfälligen schweizerischen Einreisebewilligung würden die deutschen Zöllner Juden die Grenzen überschreiten lassen.

Der «J»-Stempel

Die Dokumente zeigen laut UEK nicht eindeutig, welche Verhandlungspartei konkret den «J»-Stempel vorschlug. Offensichtlich ist jedoch, dass ein Anliegen und die Initiative der Schweiz erst überhaupt zu den Verhandlungen mit dem Dritten Reich führten. Rothmund muss dafür allerdings nicht als Sündenbock die Hauptverantwortung übernehmen, auch wenn ihm grundsätzlich an der Identifikation deutscher Juden lag; vielmehr hegte gerade er bis zuletzt Skrupel wegen eines Abkommens, das gemäss völkerrechtlicher Reziprozität auch Schweizer Juden zu diskriminieren drohte, und bevorzugte eine allgemeine Visumspflicht. Die Schweizer Diplomaten in Berlin und der Bundesrat waren es, die diese Bedenken beiseite schoben und dafür sorgten, dass «das deutsche Rassengesetz seinen Weg in das schweizerische Verwaltungsrecht fand». Auch ein Franzose, der 1942 um ein Schweizer Visum nachsuchte, musste folgende Erklärung abgeben: «Ich, der Unterzeichnete, . . . gebe mein Ehrenwort, dass ich nicht der jüdischen Rasse angehöre, und bestätige ferner, dass meine Frau und mein Kind arischer Rasse und katholischer Konfession sind.»

Die Studie hält fest, dass die Bundesbehörden (insbesondere Diplomatie, Armee und Polizei) ab 1941 von den systematischen Massentötungen im Osten wusste und ab 1942 vom Programm zur Judenvernichtung. Allerdings blieben diese Meldungen in Wahrnehmungsfiltern hängen, sie galten als unglaubwürdige Gerüchte, Greuelpropaganda in der Tradition des Ersten Weltkriegs und waren auch wegen der grauenhaften Dimensionen unvorstellbar, gleichzeitig aber sekundär für das Hauptanliegen, das nationale Überleben. Gleichwohl hielt Rothmunds Adjunkt Robert Jezler am 30. Juli 1942 fest: «Die übereinstimmenden und zuverlässigen Berichte über die Art und Weise, wie die Deportationen durchgeführt werden, und über die Zustände in den Judenbezirken im Osten sind derart grässlich, dass man die verzweifelten Versuche der Flüchtlinge, solchem Schicksal zu entrinnen, verstehen muss und eine Rückweisung kaum mehr verantwortet werden kann.» Die absolute Grenzschliessung erfolgte zwei Wochen später, danach Justizminister von Steigers berüchtigte Rede vom vollbesetzten Rettungsboot. Gleichzeitig notierte Aussenminister Pilet-Golaz zu einem amerikanischen Angebot, man werde für aufgenommene Kinder Esswaren liefern: «Zurzeit sind es nicht die Nahrungsmittel, die uns Schwierigkeiten bereiten.»

Die Grenzschliessung

Mit dem Bundesratsbeschluss vom 13. März 1943 wurden alle seit dem Sommer 1942 illegal eingereisten Flüchtlinge interniert und ihr Vermögen der Verwaltung durch das EJPD unterstellt. Die kaum aufzuhaltenden Flüchtlingsströme aus Italien hatten ab Herbst 1943 eine mildere Praxis zur Folge, doch erst am 12. Juli 1944 wurden Juden «in der Regel als gefährdet» betrachtet und generell aufgenommen. Nicht zuletzt im Blick auf die Alliierten wurde gegen Kriegsende auch die Aufenthaltsbedingungen in den Heimen und Lagern verbessert. Erst am 7. März 1947 wurde das Dauerasyl für Flüchtlinge eingeführt, denen man die Weiterwanderung nicht zumuten konnte; Anfang der fünfziger Jahre wurden die rund 10 000 noch in der Schweiz lebenden Flüchtlinge von der Pflicht zur Weiterreise entbunden und wie andere Ausländer behandelt.

Entscheidendes Kriterium für Aufnahme oder Rückweisung in der Schweiz war laut UEK nicht die individuelle Not, sondern die Zugehörigkeit zu einer administrativ definierten oder auch zu impliziten, negativen Kategorie wie «Bettler, Vagabunden, Zigeuner», wobei der Willkür einzelner Staatsstellen viel Raum blieb. Deutsche Kommunisten wurden 1935 in Schaffhausen direkt deutschen Behörden übergeben, und hundert Angehörige der im Spanischen Bürgerkrieg formierten internationalen Brigaden wurden, da «ausgesprochen staatsgefährlich», nach der französischen Niederlage zurückgewiesen. Während Briten und Niederländer, deren Heimat die Kosten zu übernehmen bereit war, gute Aufnahmechancen hatten, wurden Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion nach Deutschland wiederholt zurückgewiesen, manchmal direkt an die Behörden - den einen Staat gab es nicht mehr, zum anderen unterhielt die Schweiz keine Beziehungen. Eigentliche Ausweisungen gab es wegen illegaler Berufstätigkeit oder politischer Tätigkeit bis Kriegsbeginn; aber auch danach, selbst ohne konkreten Tatbestand, wenn «ein ausgesprochen unerfreuliches und sozialwidriges» Charakterbild festgestellt wurde. Schon geringe Verstösse im Lager (Diebstahl, Umgehen der Zensur, «unsittliche» Kontakte) konnten zur Ausweisung führen.

Einzelschicksale

Der Bericht fügt regelmässig biographische Skizzen ein, um die ausweglose Situation von Flüchtlingen zu vermitteln, denen im Urteil eines Grenzwachtoffiziers bereits 1938 nur drei Möglichkeiten offenstanden: Ausreise aus Deutschland, Konzentrationslager oder Selbstmord. Einigen Aufschluss erhält man über das risikoreiche Wirken der Passeure, die auf organisierten Fluchtrouten ihre Kunden über die Grenze brachten, wo sie von oft jüdischen Kontaktleuten ins sichere Landesinnere weitergeschleust wurden. Die Aufnahmepraxis der Behörden, die Familien mit kleinen Kindern nicht zurückwies, wurde umgesetzt, indem - wie im Film «Das Boot ist voll» - fiktive Familien zusammengestellt wurden. Verständnislos verurteilten Magistraten das «schmutzige Metier des Emigrantenschmuggels».

Da der Vorstoss ins Landesinnere meistens die Rettung bedeutete, untersuchte die UEK vor allem die Handlungsspielräume an der Grenze. Mitgefühl, Pflichtbewusstsein und Fremdenfeindlichkeit konnten dort den Ausschlag geben, eine elastische Auslegung von Vorschriften erfolgte häufig, offene Obstruktion wie bei Paul Grüninger oder beim Grenzwächter Willy Zehnder war dagegen selten. Weisungswidrige Härte gab es ebenfalls, wobei die später prozesswürdigen Verhältnisse in Genf besonders empörend waren: Flüchtende Juden wurden von stets denselben Heerespolizisten systematisch ausgeraubt, verprügelt und den Vichy-Grenzbeamten direkt ausgeliefert. Generell zeigten sich einige Deutschschweizer (Grenz-)Kantone liberaler und auch eher zu finanziellem Engagement bereit als die meisten anderen.

So wird deutlich, in welchen Teufelskreis auch wohlhabende Ausländer auf ihrer Flucht gerieten. Wer in die Schweiz fliehen wollte, musste ein Visum beantragen und gab sich somit als Flüchtling zu erkennen, wodurch er fast jede Chance verlor, eine Einreisebewilligung zu erhalten. Sein Kapital zu transferieren, sofern es nicht «arisiert» war, erlaubten die deutschen Gesetze nicht; Zinsen oder Dividenden konnte er dagegen auch im Ausland beziehen (als Jude bis 1938), doch solche Zahlungen belasteten das schweizerische Clearing-Guthaben zusätzlich, so dass ihn die Schweiz aus Rücksicht auf einheimische Ansprüche davon ausschloss. So verarmte er, zumal er nicht arbeiten durfte; dies war nicht nur eine Belastung für allfällige Hilfswerke oder andere Helfer, sondern die Abhängigkeit von der Fürsorge war wiederum ein Grund für die Ausweisung in ein Land, das den Mittel- und oft auch Staatenlosen sogleich wieder abzuschieben trachtete.

Unterbringung in der Schweiz

Im Frühling 1944 weilten 25 000 Zivilflüchtlinge in der Schweiz: 3000 in Auffanglagern, 9250 in Lagern und Heimen, 5329 bei Verwandten und in Pensionen, 1000 bei Privaten («Freiplätze»), 1600 als Hilfskräfte in Landwirtschaft und Haushalt, 2500 Kinder in Pflegefamilien und 580 beim Studium. Verschiedene Zeugenaussagen belegen, dass nicht unbedingt die oft nicht einfachen materiellen Bedingungen am drückendsten waren, die ja die Schweizer selbst auch betrafen - der Sold in Arbeitslagern betrug maximal Fr. 1.80 täglich, im Militär waren es Fr. 2.-. Entwürdigend empfunden wurde jedoch die Isolation, die Trennung der Familien und die weitgehende Entmündigung.

Besonders folgenreich war die Entrechtung im finanziellen Bereich: Das Clearingabkommen vom 24. Oktober 1939 mit dem Dritten Reich beschränkte die Auszahlung auf Angehörige der beiden vertragschliessenden Staaten. Wenig später schloss die Schweiz zusätzlich Ausländer ohne Niederlassungsbewilligung davon aus und damit fast alle Emigranten, da sie nur Aufenthalts- oder Toleranzbewilligungen erhalten hatten. Als Deutschland am 25. November 1941 allen im Ausland lebenden Juden die Staatsangehörigkeit absprach, wurde dies in der Schweiz nachvollzogen: Die Fremdenpolizei ersetzte Niederlassungsbewilligungen von Juden durch Toleranzbewilligungen, die Verrechnungsstelle (SVSt) schloss die nunmehr Staatenlosen vom Clearingverkehr aus. Das Aussenministerium und wirtschaftliche Kreise bekämpften allerdings diese Diskriminierung auch gerichtlich, da sie gegen schweizerisches Rechtsempfinden verstosse.

Noch viel mehr war dies der Fall, als nach Kriegsende die deutschen Vermögen in der Schweiz gesperrt wurden und die Verrechnungsstelle die Sperre auf alle Deutschen anwandte, die ihre Ausbürgerung nicht schriftlich nachweisen konnten. Damit wurden die Juden, welche die SVSt gemäss der pauschalen deutschen Verordnung von 1941 als staatenlos behandelt hatte, für die Schweizer Behörden wieder zu Deutschen, was die NZZ als «restlos unbillig» ansah. Gleichwohl erhielten diese doppelt Diskriminierten ihre Guthaben erst in den fünfziger Jahren zurück.

Finanzierung der Flüchtlingshilfe

Diskriminiert wurden auch einheimische Juden, denen der Bund einen Teil der Unterstützung für rückwandernde Staats- und Glaubensgenossen überband. Besonders geprüft wurde der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) jedoch bei der Flüchtlingsbetreuung: Von 1933 bis zur Einführung des Dauerasyls 1947 gab er insgesamt 46 Mio. Fr. für die Betreuung jüdischer Flüchtlinge aus, und damit zwei Drittel der Gesamtaufwendungen, welche Hilfswerke für Flüchtlinge aufbrachten. Das Hilfswerk für Emigrantenkinder bezahlte 8 Mio. Fr., das Hilfskomitee für evangelische Flüchtlinge 6,6 Mio., die katholische Caritas 4,6 Mio. und das Schweizerische Arbeiterhilfswerk 1,7 Mio. Fr. Der Bund entrichtete 3,2 Mio. Fr. für die Ausreise von Flüchtlingen an den VSJF, dessen Aufwendungen bis zur finanziellen Erschöpfung 1938 die Schweizer Juden allein trugen, während danach das «American Jewish Joint Distribution Committee» über die Hälfte der Kosten übernahm.

Um die Ausgaben der öffentlichen Hand zu reduzieren, wurden von Flüchtlingen anfangs Kautionen verlangt und später ihr gesamtes Ver-mögen der Verwaltung durch das EJPD unterstellt; als Treuhänder wirkte die Schweizerische Volksbank, die Flüchtlinge verloren die Verfügungsgewalt über ihr Eigentum. Angesichts der durchschnittlich 230 Fr. Guthaben bei der Eröffnung wirkte der grosse bürokratische Aufwand unverhältnismässig. Von 500 abgabepflichtigen Emigranten und Flüchtlingen wurde in Form der «Solidaritätsabgabe» auch eine Sondersteuer von insgesamt 2,4 Mio. Fr. erhoben, die zu zwei Dritteln an den VSJF ging. Amerikanische, holländische und englische Flüchtlinge wurden nicht mit der Sondersteuer belegt, da diese die in Niederlassungsverträgen vereinbarte Gleichbehandlung von Ausländern und Schweizern verletzte.

Viele Köche verderben den Brei - einige kritische Anmerkungen

Allein für den Hauptbericht werden zwölf Autoren und Autorinnen namentlich genannt, und das Resultat ist entsprechend: Eine nicht unbedingt zentrale Tagung in Montreux wird in regelmässigen Abständen und unterschiedlichen Zusammenhängen dreimal behandelt (S. 74, 178, 267). Da in den ersten drei Kapiteln (unter anderem) ein Überblick über die Forschungsliteratur gegeben wird, auf deren Ergebnisse später zurückgegriffen wird, sind solche Wiederholungen fast unvermeidlich. Weniger sie sind ärgerlich als der Eindruck, dass bei der Arbeit kein klares Konzept vorlag. Offensichtlich motivierte Forscher haben in lockerem Kontakt ihre Recherchen betrieben und diese niedergeschrieben, der Koordinator hat sie danach in eine einigermassen sinnvolle Reihenfolge gebracht. Ein verlorenes Kapitel am Ende betraf beim Goldbericht die Versicherungen; hier gilt es dem Delegierten Eduard de Haller. Eine klare Gliederung scheint zu fehlen, obwohl sie eigentlich naheläge: zuerst strukturelle Voraussetzungen (Vorschriften, Organe, Kompetenzen), dann die flüchtlingspolitischen Ereignisse in chronologischer Folge, darauf die ergriffenen Massnahmen und schliesslich eine urteilende Analyse, welche die von den Zeitgenossen vorgebrachten Gründe für die Flüchtlingspolitik beurteilt (anstatt diese schon im voraus in Kapitel 2 zu verwerfen).

Nicht nur darstellerisch, sondern auch methodisch wäre das vorgeschlagene Vorgehen befriedigender (und zeitgemässer): Die Entscheidungen von Behörden, aber auch die Optionen und getroffenen Wahlen von Flüchtlingen und Schweizer Zivilisten würden als Reaktionen auf gewandelte Herausforderungen verstanden, die sich jeweils aus Lernprozessen und neuen Erfahrungen ergaben. Statt dessen wird im Bericht doch reichlich monokausal verfahren, ohne dass in der Fülle von Details klare Antworten auf die auf S. 16 formulierten zwei Grundfragen nach Gründen und Verantwortungen für die restriktive Flüchtlingspolitik zu erkennen sind. Gewiss waren, wie die jüngere Forschung herausgearbeitet hat, Antibolschewismus, Antisemitismus und Angst vor Überfremdung wichtig; aber alles können auch sie nicht erklären, insbesondere nicht, weshalb während des Krieges 21 000 Juden aufgenommen wurden! Auf S. 278 werden dafür en passant drei «Gründe» angeführt (Härtefälle, Flucht ins Landesinnere, Milde ab Herbst 43) - das sind jedoch Aufnahmekriterien und nicht «Gründe», die eingefleischte Antisemiten human stimmen.

Ein wichtiger Problembereich ist mit dem folgenden Satz viel zu kurz behandelt: «Andere Autoren wiesen nach, dass das Schweizer Boot nicht voll war und mehr Leben hätten gerettet werden können.» Der Schreibende ist einverstanden, wäre aber um detaillierte Überlegungen froh. Aber wenn er mit einer Fussnote auf einen Literaturbericht verwiesen wird, wo diese Aussage nicht belegt wird, fühlt er sich verschaukelt.

In diesen zentralen Fragen, die vor allem im recht simplen Einleitungskapitel angesprochen werden, fehlen die differenzierten Zwischentöne und verrät sich ein manichäisches Weltbild - der entsprechenden Verfasser, nicht der UEK, die aber hätte eingreifen müssen. 1936, so steht wohl unter Anspielung auf Spanien geschrieben, sei in Europa das Jahr der ideologischen Polarisierung «zwischen der liberalen Linken einerseits und der konservativen bis extremen Rechten anderseits» gewesen. So einfach sollten es sich Historiker mit den «good guys» und den «bad guys» nicht machen. Es gab in den dreissiger Jahren einen faschistischen und einen bolschewistischen Totalitarismus und beidenorts Terror; und angesichts von Teufel und Beelzebub gab es allenthalben verzweifelte Verunsicherung, welches das geringere Übel war. In genau diesem Dilemma befanden sich noch 1939 England, Frankreich und Polen. Damit sollen bürgerliche Sympathien für Mussolini oder Franco nicht beschönigt werden; aber etwas Verständnis für ein Lavieren in einer Zeit politischer und wirtschaftlicher Krisen wäre angebracht, das sich nicht einfach auf antikommunistische Chimären reduzieren lässt. Vielleicht würden dann ja durchaus ambivalente Äusserungen zur Flüchtlingspolitik, welche Linke, aber auch Schweizer Juden abgaben, gründlicher analysiert (und verstanden), als es in diesem Bericht der Fall ist.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 11.12.1999

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