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Wirbel um Mexikos Jungfrau von Guadalupe

Fehlt dem Wunder die historische Basis?

bau. Mexiko, 10. Dezember

Kurz vor dem «Geburtstag» der wundertätigen Jungfrau von Guadalupe am 12. Dezember herrscht Aufruhr beim katholischen Klerus und Empörung beim mexikanischen Volk. Urheber des religiösen Bebens ist der über 80jährige katholische Geistliche Guillermo Schulenburg. Mit untrüglichem Gefühl für irdisches Timing schrieb er vor kurzem einen Brief an den Vatikan und stellte die historische Existenz von Juan Diego in Frage, eines Indios aus dem 16. Jahrhundert, für dessen Heiligsprechung eine gewichtige Faktion der mexikanischen Geistlichkeit seit Jahren in Rom antichambriert.

Nun ist Juan Diego kein beliebiger Aztekensprössling. Sein Name ist jedem mexikanischen Schulbuben geläufig, denn ohne ihn gäbe es den Kult um die mexikanischste aller Jungfrauen, die für die Mestizennation identitätsstiftende «Virgen de Guadalupe», überhaupt nicht. Juan Diego war im Dezember 1531 eine dunkelhäutige Mariengestalt gleich mehrfach erschienen. Kaum zehn Jahre nach der Unterjochung des Aztekenreiches durch die spanische Krone schenkten die Geistlichen aus Übersee dem hergelaufenen Indio zunächst keinen Glauben. Schliesslich schickte die Jungfrau den verdatterten Juan Diego mit einem Blumenstrauss zum amtierenden Bischof Fray Juan de Zumarraga. Die Rosen, so will es die Legende, hinterliessen auf dem ponchoähnlichen Umhang des Überbringers das Abbild der Muttergottes, wie man es noch heute farbecht unter Panzerglas am Wallfahrtsort besichtigen kann.

Abt Schulenburg, der Mann, der heute in Frage stellt, dass das Wunder in Tepeyac, am Rande des gefallenen Technotitlan - der heutigen Hauptstadt Mexiko - gelegen, überhaupt je stattgefunden hat, muss eigentlich wissen, wovon er spricht. Während Jahren hat er die Basilika betreut, wo jährlich 11 Millionen Gläubige aus Mexiko und ganz Lateinamerika der Jungfrau von Guadalupe und Patronin Amerikas die Ehre erweisen. Ihrem Schutz empfehlen sich Buschauffeure und Reisende, ihr Bild ziert Wohnstuben, Büroräume und Tankstellen, ihren Namen hat sie unzähligen Apotheken, Kramläden, Tequila-Bars und - wen wundert's - einer Versicherungsgesellschaft gegeben, der auch der Korrespondent der NZZ seinen Wagen anvertraut hat.

Von seinem Amt zurücktreten musste Schulenburg 1996, nachdem er von Juan Diego als einem Symbol, nicht aber einer Realität gesprochen hatte. In seinem jüngsten, von zwei weiteren Geistlichen unterzeichneten Brief macht er den Vatikan darauf aufmerksam, dass die ersten Berichte über die Erscheinung mit mehr als hundert Jahren Verspätung aktenkundig wurden. Auch sei in den Aufzeichnungen des wichtigsten Zeitzeugen, des Bischofs Zumarraga, kein Hinweis auf das bestimmt nicht alltägliche Wunder zu finden. Der für den offiziellen Guadalupe-Kult zuständige Geistliche Enrique Salazar seinerseits glaubt, genügend Beweise für die Existenz Juan Diegos und für die 36 Wunder, die er vollbracht haben soll, zusammengetragen zu haben. Er zweifelt nicht daran, dass der von Papst Johannes Paul II. anlässlich seiner zweiten Mexikofahrt bereits seliggesprochene Juan Diego im Verlaufe des Jubeljahres 2000 den Status eines Heiligen erlangen wird.

Einen vorläufigen Höhepunkt hat der Streit um Sein oder Schein der Jungfrau von Guadalupe mit einer Aufforderung des apostolischen Nuntius in Mexiko an Schulenburg erreicht, dieser möge um Verzeihung bitten für all den Schaden, den er Mexiko mit seiner Epistel zugefügt habe. Doch der tief verwurzelten Verehrung der Mexikaner für ihre Maria dürfte das wortreiche Gezänk in der Sakristei keinen Abbruch tun. Wie alle Jahre werden die Gläubigen auch heuer ihre «Virgencita» mit Messen, Prozessionen, Mariachis und profanen Tänzen im Atrium der Basilika feiern und anschliessend stundenlang Schlange stehen, um einen Blick auf das mildtätige Gesicht der «Helferin in allen Lebenslagen» zu werfen.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 11.12.1999

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