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Unter der Gnade?

An den Grenzen des christlichen Zeit-Raums

Von Jan Assmann

In Klosterneuburg bei Wien steht die bedeutendste Email-Arbeit des Mittelalters, der 1181 entstandene Altar des Nikolaus von Verdun. In drei Reihen übereinander sieht man je siebzehn Bilder der Heilsgeschichte auf drei Epochen verteilt: «ante legem», von der Schöpfung bis zur Offenbarung des Gesetzes am Sinai, in der obersten; «sub lege», von Sinai bis Jesus, in der untersten; und «sub gratia», von der Verkündigung der Geburt Jesu bis zum thronenden Weltenherrscher am Ende der Zeiten, in der mittleren Reihe.

Die mittlere Reihe bildet den Cantus Firmus, sie gibt die chronologische Reihenfolge vor, mit der Kreuzigung in der Mitte, den Szenen des Lebens Jesu links und den Szenen von der Auferstehung bis zum Weltende rechts davon. Die Szenen in den oberen und unteren Reihen sind nicht chrono-, sondern typologisch angeordnet. Jedes Bild bezieht sich so auf eine Szene der mittleren Reihe, dass sie es präfiguriert und interpretiert. So erscheint die gesamte Weltgeschichte von der Schöpfung bis zum Endgericht als ein einziger, geschlossener Verweisungs- und Erfüllungszusammenhang. Alle Ereignisse erhalten ihren Sinn durch ihre Wiederkehr und «Erfüllung» auf einer höheren Ebene.

Dieses Zeitbild verbindet die Idee der Wiederkehr mit dem Prinzip des gerichteten Verlaufs. So ergibt sich die Form einer Spirale mit genau drei Umdrehungen. Die Weltzeit hat Anfang und Ende und verläuft in drei grossen Phasen, innerhalb derer sich die Ereignisse auf eine geheimnisvolle, untergründige Weise wiederholen, die nach Art von Traumbildern gedeutet werden muss. Die Kreuzigung Christi ist keine einfache «Wiederholung» der Bindung Isaaks ante legem und noch viel weniger der Rückkehr der Kundschafter sub lege, die mit einer riesigen Weintraube aus dem Gelobten Lande zurückkehren (wobei die hölzerne Tragstange das Kreuz und die Weintraube Christus präfiguriert).

MOSE, CHRISTUS

Zwei herausragende Ereignisse gliedern den Gesamtverlauf in drei Epochen: die Gabe des Gesetzes an Mose auf dem Sinai und die Erscheinung des Gottessohns. Dadurch wird die Geschichte nicht nur gegliedert, sie wird auch jeweils auf eine höhere Stufe gehoben. «Vor dem Gesetz», «unter dem Gesetz» und «unter der Gnade»: das sind Entwicklungsstufen, auf denen die Menschheit aufsteigt. Diesem christlich- abendländischen Zeit- und Geschichtsbild ist von allem Anfang an eine fortschrittsbezogene Evolutionstheorie eingeschrieben, die in zahlreichen säkularen Evolutionstheorien und Fortschrittsideen weiterlebt, von Auguste Comtes Dreistadiengesetz - Religion, Metaphysik, Wissenschaft - bis zur modernen Einteilung der Kulturentwicklung in archaische, traditionale und moderne Gesellschaften. Jahrtausende hat das christliche Abendland im dreistöckigen Gehäuse dieser Weltzeit gelebt, wie es der Altar des Nikolaus von Verdun so eindrücklich vor Augen stellt. Augustinus hat ihm die verbindliche Form gegeben. Das ganze Mittelalter hat in dieser Form der Zeit und Geschichte gelebt, und die Augustinermönche des Stifts Klosterneuburg haben sich in ihrer theologischen Ausdeutung besonders hervorgetan.

Augustinus unterscheidet zwischen der profanen Geschichte der Heiden, die fortschrittslos im Kreise verläuft, und der heiligen Geschichte des Gottesvolks, das in gerader Linie auf die Erlösung zu schreitet. Diese Linie verläuft in den bewussten drei Stadien und hat den Charakter des Fort- Schritts. Augustinus kann hier an eine lange Tradition anknüpfen. Schon der Auszug aus Ägypten und der Einzug ins Gesetz wird von Mose selbst im Deuteronomium in das Licht eines Aufstiegs zu einer höheren Kulturform gestellt. Das Gesetz, lässt Mose sein Volk wissen, «ist eure Weisheit und eure Einsicht in den Augen der Völker. Wenn sie von all diesen Satzungen hören, werden sie sagen: ‹Ein weises und einsichtiges Volk ist doch diese grosse Nation!›. . . Denn wo wäre ein grosses Volk, das Satzungen und Rechte hätte so gerecht wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?» Das Gesetz bedeutet einen epochemachenden Fortschritt in der Einsicht und Weisheit, einen «Fortschritt in der Geistigkeit», wie Freud es genannt hat.

Paulus hat diesen evolutionistischen Fortschrittsgedanken noch einmal radikalisiert, als er das Gesetz einen «Erzieher auf Christus hin» (paidagogos eis Christon) nannte. Mit dem Erscheinen Christi, der zweiten epochemachenden Offenbarung, hat das Gesetz in christlicher Sicht seinen Zweck erfüllt, die Menschen auf eine weitere Entwicklungsstufe vorzubereiten. Origines nannte den gesamten Gang der Weltgeschichte eine «paideusis», eine Erziehung des Menschengeschlechts. Aleida Assmann hat in ihrem Buch «Zeit und Tradition» diese sowohl jüdische wie christliche Idee einer Entwicklung als Erziehung eine «temperierte Eschatologie» genannt und sie der apokalyptischen Naherwartung des Weltendes gegenübergestellt.

Man muss sich diese uralten Wurzeln der Fortschrittsidee bewusst machen, wenn man das teils euphorische, teils phobische Fieber verstehen will, das nicht nur die westlich-christliche Welt angesichts der Jahrtausendwende ergreift. Das ist nicht die bürgerliche Fortschrittsidee des 19. Jahrhunderts, die ohnehin mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts in sich zusammengebrochen ist; das kommt von sehr viel weiter her und entsprechend ab- und untergründig sind auch die Ängste und Hoffnungen, die der Zahl 2000 ihre Magie verleihen.

3×2000 JAHRE

Nach einer alten talmudischen Überlieferung, die Luther als «Apokryphon Eliae» zitierte, umfasst die dreigeteilte Weltzeit 6000 Jahre: 2000 Jahre ante legem, 2000 Jahre sub lege und 2000 Jahre messianische Zeit. Auch Augustinus bezifferte die Epochen mit je 2000 Jahren. Das ganze Mittelalter, bis weit in die Neuzeit hinein, stand im Banne dieses weltgeschichtlichen Zeitrahmens. Für die Juden dehnt sich die zweite Epoche «unter dem Gesetz», für die Christen ist die dritte Epoche «unter der Gnade» angebrochen. Aber auch hier gab es alternative Modelle.

Joachim von Fiore, ein Zeitgenosse Nikolaus' von Verdun, stellte die revolutionäre These auf, dass mit der Erscheinung Christi erst das mittlere Zeitalter angebrochen sei und das dritte, letzte Zeitalter noch ausstehe. Er verband die drei Zeitalter mit den Personen der heiligen Trinität. Auf das Zeitalter des Vaters, die Epoche des Alten Testaments, folgte mit dem Erscheinen Christi das Zeitalter des Sohnes, die Epoche des Neuen Testaments. Das Zeitalter des Heiligen Geistes, die Epoche des «Ewigen Evangeliums» (Apk. 14, 6-7), steht noch aus. Darin wird es keine Kirche mehr geben und keine weltliche Hierarchie, sondern die klösterliche Gemeinschaft der Heiligen. Joachim sah diese Epochenschwelle unmittelbar bevorstehen, und die folgenden beiden Jahrhunderte standen im Zeichen apokalyptischer Naherwartung. Die «abendländische Eschatologie» (das gleichnamige Buch des 23jährigen Zürcher Juden Jacob Taubes erschien 1947) kennt viele Varianten und beherrscht in den gegenwärtigen Schwundformen des Jahrtausendfiebers noch immer die Köpfe.

Das Gehäuse der Zeit, darin die Christen und, in etwas anderer Innengliederung, auch die Juden leben, ist die Zeit der Bibel und daher die heilige Geschichte. In der Tat: die «Heiden» leben nicht darin und haben ein ganz anderes Verhältnis zur Zeit. Im antiken «Heidentum» war die Zeit nicht vom Text, sondern vom Ritus bestimmt. Sie stand nicht im Zeichen der Erfüllung, sondern der Erneuerung. Man las nicht die Zeichen der Zeit, wie sie in der Schrift angekündigt waren, sondern hielt sie durch den Vollzug der Riten in Gang, indem man dafür sorgte, dass sich die Handlungen deckungsgleich wiederholten und dadurch auch die Zeit sich immer wieder zur Kreisbahn rundete. Das fundierte ein ganz anderes, viel souveräneres Verhältnis zur Zeit. Man war ihr nicht ausgeliefert, sondern konnte sie erneuern, Unheil abwenden, Zäsuren setzen und Kontinuitäten stiften. In Ägypten begann man bei jedem König wieder mit dem Jahre 1. Bei den Assyrern und den Römern wurden die Jahre nicht gezählt, sondern benannt, nach der Amtszeit bestimmter Beamter.

Mit der Umstellung von den heiligen Handlungen auf die heilige Schrift, im Juden- und Christentum, veränderte sich auch das Verhältnis zur Zeit. Aus der «historia divina», der Göttergeschichte der Mythen, die in den rituellen Begehungen immer wieder Gegenwart wurde, wurde die «historia sacra», der Geschichtsplan Gottes, den die Schrift als «script», als verschlüsseltes Drehbuch bereits vorzeichnete. Sie verlor ihre offene Erneuerungs- und Vergegenwärtigungskraft und wurde zu einem in drei Doppeljahrtausende gegliederten geschlossenen Zeitraum. Die Zeit, die sich mit dem Jahre 2000 rundet, ist die Zeit der Kirche, die «historia sacra», deren Perioden sich nach Offenbarungen gliedern. So ist es auch in Ordnung, das nun zu Ende gehende Jahrtausend als ein Jahrtausend der Kirche, ein christlich geprägtes Jahrtausend ins Auge zu fassen. Für andere Religionen steht keine Jahrtausendwende an.

Das christliche Jahrtausend, das nun zu Ende geht, trägt eine einheitliche Signatur, die es von allen anderen Jahrtausenden der Weltgeschichte - und hoffentlich auch von den kommenden - unterscheidet. Erst jetzt, an seinem Ende, beginnt die Christenheit diese Signatur als ein Kainsmal auf ihrer Stirn zu erkennen. Mit dem ersten Jahrhundert des 2. Jahrtausends setzten im Zusammenhang der Kreuzzüge die Judenverfolgungen ein und steigerten sich von Jahrhundert zu Jahrhundert bis zur «Endlösung» unter Hitler. Kein Jahrhundert dieses christlichen Jahrtausends, in dem das europäische Judentum nicht unter Verfolgungen zu leiden gehabt hätte. Der Germanist Rudolf Kreis zitiert in einem erschütternden Buch «Antisemitismus und Kirche» eine Inschrift, die Papst Johannes XXIII. in der Werner-Kapelle zu Bacharach anbringen liess: «Wir erkennen heute, dass viele Jahrhunderte der Blindheit unsere Augen verhüllt haben, so dass wir die Schönheit deines auserwählten Volkes nicht mehr sahen und die Züge unseres erstgeborenen Bruders nicht mehr wiedererkannten. Wir entdecken nun, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blute gelegen, das wir vergossen, und er hat die Tränen geweint, die wir verursacht haben, weil wir deine Liebe vergassen. Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an den Namen der Juden hefteten. Vergib uns, dass wir dich in ihrem Fleische zum zweiten Mal ans Kreuz schlugen. Denn wir wussten nicht, was wir taten.»

ERINNERN

Eine teuer erkaufte Erkenntnis. Die Christen blicken auf ein Jahrtausend der Verblendung, die Juden auf ein Jahrtausend der Verfolgung zurück. Möge der mutige Schritt Johannes XXIII. Schule machen. Vielleicht wird das dritte Jahrtausend eine Zeit der Erkenntnis sein für das, wofür das zweite mit Blindheit geschlagen war: für die Leiden der anderen - die Opfer einer brutalen Eroberungs- und Wirtschaftspolitik, die Kosten erst der Kolonisierung und jetzt der «Globalisierung», die Opfer ethnischer Säuberungen, nationaler Sicherheitssysteme und religiösen Fanatismus. Das Mahnmal für die ermordeten Juden, das nun in Berlin errichtet wird, ist vielleicht der Anfang eines ganz neuen Typs von Denkmälern, wie sie die Türken den von ihnen ermordeten Armeniern, die Japaner den Koreanern und Chinesen, die Amerikaner den Indianern und versklavten Afrikanern und den Opfern der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, die Israeli den vertriebenen Palästinensern setzen werden. Wenn allen Tätern die Augen geöffnet werden für die Leiden ihrer Opfer, wird es nicht zum «clash of civilizations» kommen.

Das ist die Form der Erinnerung, die jetzt, am Jahrtausendende, angezeigt ist. Bisher stand kollektive Erinnerung immer im Zeichen erlittenen Unrechts. Die Kosovo-Tragödie hat uns das noch einmal vor Augen geführt. Die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 ist das grosse Thema der serbischen Heldenepik, einer blühenden Tradition mündlicher Überlieferung, deren Erforschung in den zwanziger und dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts die Homer-Forschung revolutioniert hat und ohne deren Einfluss auf die serbische Seele die Greueltaten der jüngsten balkanischen Geschichte nicht erklärbar sind. Die Schlacht auf dem Amselfeld war eine bittere Niederlage gegen die Türken.

Zu den zentralen Erinnerungsgeboten der Bibel gehört, sich an den Erzfeind Amalek zu erinnern. In Paris gibt es ein Monument des unbekannten jüdischen Märtyrers mit einer französischen und einer hebräischen Inschrift. Der französische Text appelliert in salbungsvollen Worten an Mitgefühl und Respekt: «Devant le martyr juif inconnu incline ton respect, ta piété pour tous les martyrs . . .» usw. Der hebräische Text dagegen appelliert mit dem einschlägigen Bibelzitat an das kollektive Gedächtnis: «Erinnere dich, was dir Amalek angetan hat» (Dtn. 25, 17-19). Diese ehrwürdige Erinnerungskultur kann niemand dem leidgeprüften Volk der Juden verdenken, aber sie wird nicht mehr das Modell des 3. Jahrtausends sein können. Hier wird es darum gehen, nicht zu vergessen, was wir den anderen angetan haben. Dann, und nur dann, wird es ein Zeitalter «sub gratia» werden.

 

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 11.12.1999

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