Die Enden der Geschichte
Historische Apokalyptik - ein
Rückblick
Von Alexander Demandt
Seit frühesten Zeiten gibt es Zeugnisse
dafür, dass man sich am Ende der Geschichte glaubte.
Die Vorstellung herrschte, dass die Dinge sich schneller
veränderten als je zuvor, dass die
Lebensumstände sich verschlechterten. Der Gedanke an
das Ende entspringt einer angespannten Gefühlslage:
bisweilen Hoffnung, öfter Verzweiflung, und findet
Ausdruck in religiösen wie in säkularen
Darstellungsformen.
Das früheste Zeugnis für eine pessimistische
Diagnose finden wir in den Mahnworten eines
ägyptischen Weisen names Ipuver, überliefert
auf einem Papyrus des zweiten Jahrtausends v. Chr.:
«So ist es: Räuber sind reich geworden, alles
ist zur Plünderung freigegeben; die Wüste
wächst, und das Land dreht sich wie eine
Töpferscheibe.» Nichts steht mehr fest. Klagen
über die Zeit in der griechischen Tradition sodann
äussert Hesiod um 700 v. Chr. Ihm verdanken wir den
locus classicus für die absteigenden Altersphasen
der Menschheit, beginnend mit dem Goldenen Zeitalter. Ihm
folgte das Silberne Zeitalter, bis Zeus auch dies
beendete und das Eherne Zeitalter heraufführte, das
mit dem Heroischen Zeitalter des Trojanischen Krieges
verbunden ist. Hesiod nun befindet sich im letzten, im
Eisernen Zeitalter, in dem Gesetz und Recht der Gewalt
gewichen sind.
Hesiod war ein Dichter, kein Historiker. Die
griechischen Geschichtsschreiber wie Herodot und
Thukydides machten keinen Gebrauch von der Idee eines
Eisernen Zeitalters. Dennoch glauben beide, den
grössten aller Kriege darzustellen. Das war für
Herodot der Perserkrieg, für Thukydides der
Peloponnesische Krieg. Thukydides begründet sein
Urteil mit einer Fortschrittstheorie. Er weiss von einer
technischen Entwicklung, wodurch die Waffen immer
wirksamer, die Kriege immer grösser und
verderblicher geworden seien. Insofern ist sein Bild von
der Zukunft pessimistisch.
POLYBIOS
Das Geschichtsverständnis änderte sich mit
dem Aufstieg Roms, wie Polybios ihn nach dem
Hannibal-Krieg darstellt. Er hatte selbst gegen die
Römer gekämpft, war aber als Geisel in Rom von
den Scipionen aufgenommen worden und erlebte im Umgang
mit ihnen eine politische Bekehrung. Er erkannte Roms
Leistung in der Vereinigung der gesamten Mittelmeerwelt
zu einem organischen Ganzen, dessen Gedeihen in Frieden
bevorstand. Das Imperium Romanum war für ihn die
letzte Stufe der Geschichte.
Der Optimismus des Polybios zeigt indessen keine
eschatologischen Züge. Ein Zustand endlosen
Glücks in der Zukunft widerspräche der für
einen Griechen selbstverständlichen
Überzeugung, dass alles fliesst, dass allein dem
Wandel Dauer zukommt. Polybios hat Roms Schicksal
zutreffend vorausgesehen: «Überall, wo Freiheit
und Macht lange zugleich bestehen, werden die Menschen
nach dem Gesetz der Natur der herrschenden
Verhältnisse überdrüssig. Sie suchen sich
einen Herrn (der dann die Lage ändert) und wundern
sich dann, welch schlechten Tausch sie gemacht
haben.» Kündet diese Regel nicht die
römische Kaiserherrschaft an? Von einem Glauben an
Roms Ewigkeit war Polybios ebensoweit entfernt wie sein
Gönner Scipio. Als er Karthago zerstört hatte,
trat ihm der Untergang Trojas vor Augen, und er zitierte
Homer: «Einst wird kommen der Tag, da die heilige
Ilion hinsinkt.» Dabei dachte er an das Ende Roms in
der Zukunft.
Roms aussenpolitische Erfolge endeten im
innenpolitischen Kampf der Prokonsuln um die Macht. In
den letzten Jahren der Republik mehrten sich die Stimmen
der Verzweiflung. Macht hatte zu Luxus geführt,
dieser, so glaubte man, begünstige ein Lasterleben,
und der Sittenverfall müsse den Zusammenbruch des
Staates bewirken. Horaz sprach von einem auf Rom
lastenden Fluch, begründet in dem Brudermord des
Romulus an Remus. Die Römer mögen, so riet er
ihnen, ihre unselige Stadt verlassen und sich auf den
Inseln der Seligen im Atlantischen Ozean eine neue Heimat
suchen.
In der gleichen Atmosphäre erwuchs jedoch auch
eine grosse Hoffnung. Man erwartete einen göttlichen
Retter, wie Vergil ihn in seiner vierten Ekloge aus dem
Jahre 40 v. Chr. ankündigt. Er sollte nach der
«ultima aetas» der Gegenwart das Goldene
Zeitalter für Rom, ja für die Welt
zurückbringen. Die Erwartungen richteten sich auf
Augustus, dessen Herrschaftsantritt in Kleinasien als
«evangelion» begrüsst, in Rom als
«reparatio felicium temporum» gefeiert wurde.
Die Erwartungen erfüllten sich. Das Reich hatte
seine Wachstumsgrenzen erreicht, die letztgültige
Staatsform gefunden. Die Pax Romana sicherte Frieden und
Wohlstand, den Sklaven winkte die Freilassung, die
Provinzialen erhielten das Bürgerrecht. Die
Geschichte schien am Ende. Zu erwarten war eine
fortschreitende Zivilisierung und Urbanisierung, die
Historiographie verwandelte sich in eine Folge von
Kaiserbiographien.
Ungelöst blieben zwei Probleme, Christen
innerhalb und Barbaren ausserhalb des Reiches. Die Rolle
des Christentums ist widersprüchlich, weil viele
Juden und alle Christen die römische Auffassung von
der mit Augustus angebrochenen neuen Zeit teilten und das
Römische Reich als die letzte Weltordnung
betrachteten. Juden und Christen sahen jedoch nicht in
Augustus, sondern im Messias den Retter. Dies war
für den Christen Jesus von Nazareth, der den neuen
Aion bringen sollte.
Die Predigt, das Himmelreich sei nahe herbeigekommen,
gehört zu den zentralen Dogmen Jesu und verwandelte
sich nach dessen Tod in die Hoffnung auf seine baldige
Wiederkehr. Der Erfolg der Jesus-Religion ist nicht zu
verstehen ohne die Propheten des Alten Testamentes, die
nach dem Niedergang des Königreiches Davids darauf
gehofft hatten, dass Gott seinen Gesalbten senden werde,
der nicht nur Israel wieder aufrichten, sondern
darüber hinaus den Frieden des Paradieses
wiederherstellen würde, in dem die Löwen bei
den Lämmern liegen und die Schwerter zu Pflugscharen
umgeschmiedet werden. Jesaja erblickte im
Perserkönig Kyros den Messias. Wie immer: zu
früh. Erwartung und Enttäuschung wiederholen
sich seitdem periodisch.
Der klassische Text der jüdischen
Endzeit-Erwartung ist das Buch Daniel. Während des
Makkabäer-Aufstandes verkündete der unbekannte
Autor das Erscheinen des Heilands, der den «Koloss
auf tönernen Füssen» zerschmettern, das
heisst die Abfolge der vier Weltreiche beenden und die
Herrschaft Gottes bringen sollte. Auch Jesus selbst
scheint diese Auffassung geteilt zu haben.
Messias-Erwartungen liegen den beiden grossen Kriegen der
Juden gegen die Römer zugrunde, die Tausende von
Toten forderten.
Die Endzeit-Prophetien der Juden haben sich in
mehreren Texten niedergeschlagen: unter den Qumran-Rollen
ist es das «Buch des Kampfes der Söhne des
Lichtes gegen die Söhne der Finsternis». Das
Licht kommt aus dem Osten, die Finsterlinge wohnen im
Westen, in Rom. Der Endkampf hat die mythische Länge
von 40 Jahren. Die Juden, Heiligen und Engel besiegen die
Trabanten des Teufels, während die Priester die
Schlacht mit Trompetensignalen leiten. Am Ende steht die
ewige Erlösung der Frommen.
Die Verbreitung der Endzeit-Erwartung im Orient zeigt
sich ebenfalls in der Frühgeschichte des Islams. Der
Inhalt der ersten Predigten Mohammeds nach seiner
Berufung zum Propheten durch den aus dem Buch Daniel
bekannten Engel Gabriel war eine Warnung vor dem nahen
Gottesgericht. Er selbst wurde von seinen ersten
Anhängern in Medina mit dem von den dortigen Juden
erwarteten Endzeit-Messias identifiziert. Nach der Lehre
des Korans ertönt vor dem Ende vom Jerusalemer
Tempelberg aus die Posaune des Engels Israfil. In
späterer Zeit wurde als Bote des Endes die Figur des
Mahdi entwickelt, die immer wieder zu Unruhen in der
islamischen Welt geführt hat. - Grundlage der
Endzeit-Erwartung der Urchristen wurden die
Ölberg-Predigt Jesu und die Johannes-Apokalypse. Die
Zeit bis zum Gericht blieb der Mission vorbehalten;
sobald diese alle Menschen erreicht haben würde,
genauer: sobald die vorausbestimmte Zahl der 144 000
Heiligen, denen das Himmelreich beschieden sei, voll sei,
komme das Weltgericht. Dies glaubte auch Augustinus. In
der Zeit Augustins, als die Germanen ins Reich
eingebrochen waren, kam es zu einer regelrechten
Endzeit-Kontroverse zwischen Christen und Heiden.
Letztere verkündeten das Greisenalter der Welt,
nachdem die «senectus Romae» seit Seneca als
Gemeinplatz kursierte.
Der «Asklepios» des Pseudo-Apuleius
schwelgte in grandiosen Untergangsvisionen. Der aus dem
spätantiken Alexandria stammende Text macht den
Abfall vom Götterglauben, das heisst die Christen,
für das Ende verantwortlich. Christen wie Ambrosius
von Mailand wiederum sahen in den Germanen wo nicht die
Schuldigen, so doch die Vollstrecker. Das apokalyptische
Barbarenvolk Gog wird mit den Goten gleichgesetzt, die
Wehen der Endzeit vollziehen sich in der
Völkerwanderung. Während des gesamten
Mittelalters kehren derartige Endzeit-Ängste wieder.
Otto von Freising widmete das ganze achte Buch seiner
Chronik dem Weltende.
DAS «DRITTE REICH»
Die Johannes-Apokalypse verhiess vor dem Jüngsten
Gericht ein Zwischenspiel, das Tausendjährige Reich
irdischen Wohlergehens. Diese Idee wurde von Augustinus
aus asketischer Gesinnung abgelehnt, doch war der Wunsch
nach einer irdischen Endzeit auch unter Christen nicht zu
unter- drücken. Diese Hoffnung inspirierte Joachim
von Floris um 1200 zu seiner Prophezeiung eines
«Dritten Reiches»: Nach der Zeit des Vaters und
der des Sohnes komme die des Heiligen Geistes. Die
Hoffnung der Millennaristen aber zerschlug sich, wie so
viele. Die Mission blieb stecken, der Paraklet erschien
nicht; und so verbreitete sich seit dem 15. Jahrhundert
die Auffassung, dass man die neue Zeit nicht abwarten,
sondern herbeiführen müsse.
Bei den Hussiten und den Wiedertäufern finden wir
das Bestreben, den Übergang in die Endzeit gewaltsam
zu beschleunigen, ähnlich wieder bei den Puritanern
in England. Die Hoffnung auf eine Zukunft im Himmel
verwandelte sich in die Bemühung, die irdischen
Lebensbedingungen zu verbessern. Die ersten Theoretiker
des Fortschrittes, unter ihnen Lessing und Herder, stehen
noch ganz im Banne der christlichen Denktradition. Sie
vertrauten auf die göttliche Lenkung der
menschlichen Geschicke, erwarteten jedoch kein
plötzlich hereinbrechendes Himmelreich, sondern
einen stetigen Fortschritt zur Vernunft und zur
Humanität auf Erden.
Die Vorstellung vom Ende der Geschichte verwandelte
sich in der Aufklärung. Kant stellte 1784 fest:
«Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in
einem aufgeklärten Zeitalter?, so ist die Antwort:
Nein, aber wohl in einem Zeitalter der
Aufklärung.» Ob dieses Zeitalter in einen
Zustand der Vernunft führen werde, liess Kant offen,
er war aber fest davon überzeugt, dass der Progress
nicht unterbrochen werde. Sein Entwurf zum ewigen Frieden
von 1795 sah einen allgemeinen Bund der Völker vor,
die republikanisch verfasst sein und sich in
Humanität üben sollten. Insofern war für
ihn die Aufklärung das letzte Zeitalter der
Geschichte. Weniger Geduld mit der Endzeit hatte Hegel.
Er glaubte, die Aufklärung habe ihr Werk getan. Im
preussisch-protestantischen Staat seiner Zeit wähnte
er die Freiheit - zumindest ihrem Prinzip nach -
realisiert und damit die Geschichte vollendet. So lesen
wir in seiner Geschichtsphilosophie von 1831: «Mit
diesem formell absoluten Prinzip [der Freiheit]
kommen wir an das letzte Stadium der Geschichte, an
unsere Welt, an unsere Tage.» Sein Bild von der Eule
der Minerva zeigt, dass der Tag vorüber ist; blendet
freilich aus, dass jetzt die Nacht zu erwarten wäre.
Jedenfalls meinte er, zu tun sei nun nichts
Substantielles mehr, die Stunde des Philosophierens habe
geschlagen.
Der Glaube an das nahe Zeitenende, wie er schon in der
Französischen Revolution auftaucht, begegnet uns
wieder bei den Frühsozialisten sowie bei Marx und
Engels. Sie wähnten sich dreimal - 1848, 1852 und
1871 - vor der Weltrevolution, die über die Diktatur
des Proletariats in die klassenlose Gesellschaft
hinüberführen und das Glück des
Urkommunismus auf höherer Stufe erneuern werde. Hier
haben wir das Modell der Heilsgeschichte, vom Kopf auf
die Füsse gestellt. Dem Paradieseszustand entspricht
die klassenlose Urgesellschaft. Sie endet mit dem von
Engels so genannten «Sündenfall» der
Arbeitsteilung. Die sich anschliessende eigentliche
Geschichte ist antagonistisch strukturiert, bei
Augustinus im Neben- und Gegeneinander von Civitas
Diaboli und Civitas Dei, bei Marx im Klassenkampf der
Unterdrückten gegen die Ausbeuter. Den Abschluss der
Geschichte bildet für die Christen das Gottesreich,
für die Kommunisten die klassenlose Gesellschaft,
voraus gehen dort das Tausendjährige Reich und das
Weltgericht, hier die Diktatur des Proletariats und die
Weltrevolution. Das Endparadies unterscheidet sich vom
Urparadies in beiden Fällen darin, dass es keinen
zweiten Sündenfall geben wird.
ABENDDÄMMERUNG
Unter den zahlreichen Verfechtern einer Endzeit-Idee
in unserem Jahrhundert ragt Oswald Spengler mit seinem
«Untergang des Abendlandes» hervor. Dieses 1917
zuerst erschienene Werk will zeigen, dass die
Weltgeschichte in acht ungefähr tausendjährige
Hochkulturen zerfällt, deren letzte, die
«faustische», nun übergehe in eine kultur-
und geschichtslose Endphase, die zwar noch lange dauern
könne, ohne dass indessen die erschöpfte
Kulturseele noch neue Blüten bringe. Spenglers
britischer Nachdenker Toynbee hat an dieser
Kulturmorphologie zahlreiche Änderungen angebracht.
Der Endzustand unterscheidet sich grundlegend von dem bei
Spengler. Toynbee glaubte an die Verwirklichung des
Reiches Gottes auf Erden.
Die apokalyptischen Erwartungen in der zweiten
Jahrhunderthälfte zeigen zahlreiche Schattierungen.
Fukuyama konstatierte 1989, dass mit dem Zusammenbruch
der Sowjetunion der letzte Weltzustand erreicht sei. Zu
allen Zeiten hätten sich mindestens zwei
grundsätzliche Positionen gegenübergestanden:
Griechen gegen Perser, Römer gegen Barbaren, Kaiser
gegen Papst, Christen gegen Muslime, dynastische
Legitimation gegen Volkssouveränität,
demokratische Kräfte gegen totalitäre Systeme.
Mit dem Ende des Sozialismus gebe es keine
erfolgversprechende Alternative mehr zu einer
liberalistisch-kapitalistischen Demokratie. Was die
Zukunft jetzt noch zu bieten habe, sei nichts anderes als
die Durchsetzung dieses Prinzips und verdiene daher nicht
mehr die Bezeichnung «Geschichte».
In den erwähnten Endzeit-Prophetien spielt die
Magie des runden Jahres 2000 noch keine Rolle. Sie
begegnet in unserem Zusammenhang, wenn auch nur
andeutungsweise, bei Spengler, indem er den
Tausendjahreszyklus, den er bei all seinen Hochkulturen
annimmt, im Falle des Abendlandes zwischen die Jahre 1000
und 2000 setzt. Die Bedeutung von Jahrzehnten,
Jahrhunderten und Jahrtausenden für das
Geschichtsbewusstsein findet sich zuerst bei den
Römern. Sie haben in Anlehnung an etruskisches
Gedankengut runde Jubiläen gefeiert. Das
grösste Fest dieser Art war die Tausendjahrfeier
Roms unter Philippus Arabs im Jahre 248. Mit gigantischen
Zirkusspielen feierte man das Ereignis. Man propagierte
eine neue «aurea aetas», obschon das Imperium
damals vor dem Abgrund stand.
Die runden Jubiläen der christlichen Tradition
beginnen nicht mit dem Jahr 1000, das man schlicht
verschlafen hat, sondern mit dem Anno Santo 1300 unter
Bonifaz VIII. Seit dem 17. Jahrhundert kommen dann auch
säkulare Jubiläen auf, und im 19. Jahrhundert
sind sie ubiquitär. Die Jahreswenden 1800 und 1900
wurden gefeiert, das Jahr 2000 verspricht einen Rekord an
Rekorden, wenn es denn stattfindet. Jean Baudrillard
hielt 1984 an der Freien Universität einen Vortrag,
in dem er dies bestritt. Seine These: bis dahin gebe es
keine Geschichte mehr. Dies aber liege nicht an einem
Mangel an Ereignissen, sondern an deren
Überstürzung. Durch den Sensationsbedarf der
Medien überschlügen sich die Katastrophen, kein
Geschehnis habe noch Zeit, die Wirkung zu entfalten,
wodurch es Geschichte wird. Die Übersättigung
mit Aktuellem führe zu einer chaotischen
Tatsachenmenge, die keine historische Struktur mehr
erkennen lasse.
Endzeit-Idee und Geschichtslosigkeit nach dem Jahr
2000 verknüpfte schon Ernst Jünger 1932. Seine
letzte Prognose auf das 21. Jahrhundert gab er 1993. Er
glaubte, dass sich der bereits zu beobachtende Ausstieg
des Menschen aus der Geschichte nach der Jahrtausendwende
fortsetzen werde. Seit 200 Jahren befänden wir uns
in einer Weltrevolution, die uns in gewisser Weise schon
jetzt aus der Geschichte verdrängt habe. Er sprach
von apokalyptischen Visionen am Ende des Jahrtausends,
indem er den Untergang der «Titanic» 1912 als
prophetisches Zeichen wertete. Eine allgemeine
«Fellachisierung» greife um sich: wenn auch auf
unterschiedlichem Niveau, so doch im Einvernehmen
darüber, dass ein historisches Bewusstsein
entbehrlich wird: «Man lebt für den Tag.»
Jünger prophezeite den Weltstaat, nicht jedoch den
Weltfrieden. Er rechnete mit einer Zunahme des
Terrorismus, dessen Bekämpfung keine geschichtliche
Dignität besitze.
Ernst Nolte hat 1998 in seinem Alterswerk mit dem
Titel «Historische Existenz» eine umfassende
Geschichtsphilosophie vorgelegt, die durch sogenannte
«historische Existenzialien» gekennzeichnet
ist: Religion, Staat, Adel, Krieg und Revolution, Stadt
und Land, Historie und Wissenschaft. Diese Existenzialien
sieht Nolte einem Transformationsprozess ausgesetzt, der
ihr Wesen verändert. Religion zerfällt in
Fundamentalismus und Folklore, der Staat verschwindet im
Netzwerk der Globalisierung, an die Stelle des Adels
treten Funktionseliten, Krieg gibt es nur noch in Form
von Grenzkonflikten in Entwicklungsländern und
Polizeieinsätzen der Weltorganisationen. Revolution
wird in Form von Protestaktionen eine unvermeidliche,
aber unbedeutende Begleiterscheinung von
Veränderungen der Produktion. Die Unterschiede
zwischen Stadt und Land verschwinden, die Wissenschaft
produziert noch Bücher und Maschinen, sie verliert
hingegen ihre Bedeutung für die
«Menschenbildung». Das Geschichtsbewusstsein
beschränkt sich auf die Erinnerung an die
Greueltaten einer Zeit, mit der man nichts mehr zu tun
haben will.
Die Nähe zum kommenden Jahrtausend empfindet
Nolte als einen bevorzugten Auslug, mit dem neuen
Millennium lässt er die 5000 Jahre der eigentlichen
Geschichte enden. Die von Spengler dem Abendland nach dem
Untergang um das Jahr 2000 vorausgesagte geschichtslose
Zivilisation weitet Nolte aus auf die Zukunft der
Menschheit insgesamt. Voll entfaltet sieht er das
posthistorische Zeitalter der
«wissenschaftlich-technischen
Konkurrenzökonomie» im Jahre 2200. Die Medizin
ist der Krankheiten Herr geworden, das Durchschnittsalter
der Menschen auf 200 Jahre gestiegen.
Nolte misst den Problembereichen unserer Zeit keine
geschichtsträchtige Zukunft zu.
Bevölkerungswachstum, Wohlstandsgefälle,
Massenwanderung, Fundamentalismus, Umweltbedrohung,
Technikfolgen, all dies löst sich offenbar
globaldemokratisch ohne Geschichte, undramatisch. So
gewiss wir das wünschen müssen, so ungewiss ist
die Annahme einer solchen Endzeit, denn dafür
brauchte man einen neuen Menschen, den perfekt
sozialisierten Kosmopoliten, den wohltemperierten
Endzeit-Bürger.
Bis die Menschheit diesen Sprung vollzogen hat,
müssen wir uns gemäss Jacob Burckhardt mit dem
allgemeinmenschlichen Drang zu periodischer grosser
Veränderung abfinden. Welchen Grad an
Glückseligkeit man dem Menschen auch gewährte,
eines Tages erschallt der Ruf Lamartines: «La France
s'ennuie!» - und die Geschichte hat uns wieder.
© Neue Zürcher Zeitung -
11.12.1999