Aktion 2000 / Grundlagen
   

Was heisst «Time Out»? - Vier Wege

 
 

Weg aus der Verschuldung - Gott sei Dank gibt es die Reisbank

 
 

Der Wegweiser:
Die Armen sind arm, ohne eigenes Verschulden. Die Armut ist ein Tatzeltier mit unzähligen Krallen. Eine Armee von Armen will sich aus der Umklammerung der Armut lösen. Die Hilfswerke arbeiten mit den Armen für die Armen.

     
 

Der Weg:
Es gibt tausend Wege, der Armut entgegen zu wirken. Time out - anders weiter heisst für die Hilfswerke und ihre Spender/innen einerseits die Zeit zu nutzen, um die Abhängigkeiten der Entwicklungsländer, wie etwa die enormen Zinsforderungen aufzuheben und zur Schulden-Befreiung aufzurufen. Trotz Schulden muss jedes Land die finanzielle Möglichkeit haben, die Grundrechte seiner Bevölkerung im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen zu garantieren. Ohne diesen Rahmen sind viele Projekte zum vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Hilfswerke vermitteln andererseits in Projekten das Werkzeug, damit sich die Armen selbst helfen und einen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Weg finden können.

 
     
 

Das Projekt:
Wie sieht eine Reisbank aus? Eine Reisbank befindet sich meist in einem trockenen ebenerdigen Raum oder in einer kleinen Hütte auf Stelzen, ähnlich den alten Getreidespeichern auf dicken Pfosten im Wallis. Ratten und Mäusen ist der Zugang strengstens verboten! Wie funktioniert eine Reisbank? Voraussetzung ist ein gutes Stück Solidarität. Es finden sich im Dorf bis 20 Bauern und Landarbeiter, Männer und Frauen zusammen, die beschlossen haben, gemeinsam ein Ziel zu erreichen. Niemand soll übervorteilt werden; als Gruppe besteht die beste Chance, sich aus dem ewigen Verschuldungskreislauf zu befreien. Einer allein wäre auf verlorenem Posten. Das Hilfswerk stellt ein Grundkapital von 500 - 1500 Kilo Reis, das in der Bank gelagert wird. Während der Trockenzeit, wenn die Vorräte der Familien zur Neige gehen, können die Mitglieder der Gruppe einen Sack Reis von der Bank abheben. Das Gespenst des Hungers ist gebannt. Zur Erntezeit wird zurückbezahlt, mit einem Zins von etwa 4 Prozent pro Monat. Auf das Jahr umgerechnet zahlt eine Familie die 100 kg bezogen hat, ca. 140 kg zurück. So geht der Bank der Reis nie aus. Dem Geldverleiher im Dorf - eigentlich verleiht er Reis - müsste dieselbe Familie über 300 kg zurückzahlen, was sie nie schafft, weil der Acker zu klein ist. So hilft die Bank mit, die ärmsten Bauern im Dorf langsam aber sicher aus der Schuldknechtschaft zu befreien. Sie erhalten eine Verschnaufpause - Time out - um anders weiter zu machen. Es besteht die Hoffnung, ein Kind in die Schule zu schicken oder dringend benötigte Kleider zu kaufen. Reisbanken dienen zudem auch zur Sicherstellung des Saatgutes für die nächste Ernte. Dieses Projekt steht für andere Getreidebanken oder Spar- und Kreditprojekte in vielen Dörfern in Afrika, Lateinamerika und Asien.

 
 

... mehr zur Reisbank

 

Weg zur Gesundheit - Hauptsache wir sind gesund

 
Suppentag  

Der Wegweiser:
Eine Krankenkasse kennen die Menschen in den Dörfern des Südens nicht. Die teure Medizin können sie sich gar nicht leisten. Wenn ein Kind krank ist, bleibt nur der Weg zum Geldverleiher. Wer den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Reis oder Kartoffeln auf den Tisch oder auf das Bananenblatt zu bringen, kann sich keine Gedanken über eine ausgeglichene Ernährung machen. Die Armen hätten gewiss Appetit auf einen abwechslungsreichen Speisezettel mit Gemüse und Früchten. Nur sauberes Wasser wäre schon was.

 

Der Weg:
Im Notfall muss die Mutter ins Spital. Ein bankrottes Land kann sich aber keine Aerzte und Spitäler für die Armen leisten. Und für die Leute ist der Weg zum Spital ohnehin zu lang. Gemeint ist damit, dass sich die Armen eine gesundheitliche Betreuung nicht vom Mund absparen können. Die beste Lösung ist, erst gar nicht krank zu werden. Mit ihren bescheidenen Mitteln finanzieren die Hilfswerke Projekte zur vorbeugenden Gesundheitsversorgung, so zum Beispiel die Ausbildung von Barfussärzten. Oder die Hilfswerke unterstützen Bauern im Kampf um ein Stück Land. Oder einen Agronomen, der zeigt, wie man Hühner oder im Teich Fische züchtet. Oder Gemüse, oder Früchte: Vitamine nicht in Tablettenform.

     
 

Das Projekt:
Die Frau trägt einen spanischen Namen und hat ein indianisches Gesicht. Ihre Familie ist wie Tausend andere vor der ländlichen Armut in die Vorstadthölle einer südamerikanischen Megalo-City geflüchtet. Vom Regen in die Traufe. Während der langen Regenzeit tropft es in die Hütten. Das Kleinste hat Fieber. Aus Not entsteht Solidarität: Mercedes Gonzales ist Leiterin einer Frauengruppe. Seit einigen Jahren ziehen die Frauen auf dem nahen Hügel Kräuter, die sie zu Medizin verarbeiten. Sie haben das uralte Wissen in ihren Köpfen in die Stadt getragen. Einfache Gebresten können so erfolgreich behandelt werden. Der Pfarrer der weitläufigen Pfarrei ermuntert sie einen Schritt weiterzugehen: Mit Plastikrollen dichten sie die Dächer ihrer Hütten ab. Wer im Trockenen sitzt, findet Zeit (Time out), weitere Überlegungen anzustellen. Also anders weiter! Nie und nimmer können sich diese Menschen einen Zahnarzt im Stadtzentrum leisten. Also warum nicht eine eigene Zahnklinik erstellen? Das ist nicht möglich, würde ein von der Zahnarztrechnung geplagter Schweizer seufzen. Doch. Die Klinik steht und ist beliebt. Burschen und Mädchen haben sich mit Hilfe einer lokalen Organisation und sozial gesinnten Zahnärzten zu Barfusszahnärzten ausgebildet. Das Hilfswerk finanziert vorläufig die Miete für die zwei Zimmer und die Instrumente sowie einen Kompressor für die Bohrmaschine. Auf jeden Fall kann ein gezogener Zahn die Lebensfreude wiederbringen! Wieder ein Time out!

 

Weg zur Demokratie - Mitdenken und lenken

 

Der Wegweiser:
Die Demokratie ist der Hort der Menschenrechte. Die Familie ist der Hort der Demokratie. Bloss: Wo ist die Demokratie in den meisten Ländern des Südens geblieben, die glauben, sich diese Gesellschaftsform nicht leisten zu können? Und wo sind die intakten Familien in den Armensiedlungen, wo die von ihren Männern verlassenen Frauen als alleinerziehende Mütter (kein Time out), die schweigende Mehrheit sind?

 
     
 

Der Weg: Die Hilfswerke sind überzeugt, dass Demokratie auf allen Ebenen kein Luxus ist. Denn die Menschenrechte, der Aufbau einer Zivilgesellschaft - wo es weder unmündige Bürger noch unterdrückte Frauen, ausgebeutete Kinder und rechtlose Arbeiter und Bauern gibt - sind die Grundpfeiler einer demokratischen Entwicklung. Deshalb fördern die Hilfswerke Organisationen, die sich für die Rechte der Frauen einsetzen, Gewerkschaften, die sich der reinen Ideologie des Standorts widersetzen, Ärzte und Ordensschwestern, die einen Ausweg aus der AIDS-Katastrophe suchen und Freiwillige, die politische Gefangene betreuen. Alle diese Menschen, Opfer von unmenschlichen Entwicklungen, brauchen mindestens einen Freiraum. Eine Atempause. Ein Time out.

 
     
 

Das Projekt:
In einem zentralafrikanischen Land prallen zwei Wirtschaftsformen aufeinander, der globalisierende Neo-Liberalismus und die traditionell bäuerliche Welt. Internationale Erdölfirmen haben riesige Vorkommen gefunden. Das schwarze Gold soll mit geringsten Kosten gefördert werden. Was das bedeutet, ist bei den reichen Nachbarn zu sehen: Öl läuft aus undichten Leitungen, ganze Landstriche werden vernichtet; die Zeche bezahlen die Bauern. Nicht genug: Auch zwischen den nomadisierenden Viehzüchtern und den sesshaften Bauern, die auch für den Weltmarkt produzieren, bestehen Reibungen. Die Schwachen unterliegen. Auf jeden Fall entsteht negative Energie, die der Entwicklung des Landes zuwiderläuft. Der Projektpartner schreibt: «Der Gewalt mit Umdenken begegnen, die Wende im Dialog und mit Bildungsarbeit herbeiführen. Man muss der Bevölkerung helfen, ihre Rechte und Pflichten kennenzulernen, damit sie einen positiven Beitrag zur eigenen Entwicklung leisten kann.» Mit dieser Überzeugung hat eine Gruppe von zwölf christlich motivierten Personen eine Friedensorganisation gegründet. Die Gruppe vermittelt erfolgreich zwischen verschiedenen Interessen. Die Konfliktlösung will erlernt sein, sie muss über Bildungsarbeit erworben werden, beginnend mit den Frauen, die immer den Kürzeren ziehen. Auf der nächsten Stufe geht es um die Bürger- und Menschenrechte im Spannungsfeld zwischen privaten und staatlichen Wirtschaftsinteressen. Die Demokratie steht und fällt mit der Anerkennung der gegenseitigen Rechte. Sie bietet den nötigen Spielraum für eine menschengerechte Entwicklung. Das heisst wiederum: Time out - anders weiter. Die Hilfswerke unterstützen ähnliche Projekte in allen drei Kontinenten des Südens.

 
   

Weg zum ganzen Menschen - Wir sind das Kirchenvolk

 

Der Wegweiser:
Sie schlafen schichtweise, denn ihr Bett ist zweimal vermietet, nämlich nachts und am Tag. Sie wohnen in Mietkasernen weit draussen am Rand des Grossstadt-Monsters. Familien hausen in einem Zimmer und teilen Küche und WC mit anderen Familien. Vom Land haben die Landlosen und Verfolgten im schmalen Gepäck wenig mehr als das «Vater Unser», das «Ave Maria» und ihren Glauben mitgebracht. Den Glauben an Gott und eine bessere Zukunft.

 
     
 

Der Weg:
Sorge, Enge und Arbeitslosigkeit fördern die Gewalt. Christliche Basisgemeinschaften sind sehr oft ein letzter Ort, wo Gemeinschaft gestärkt wird. Statt auf die Gewalt zu setzen, treffen sich Menschen und entdecken in der Bibellektüre ihr Leben. Sie spüren neu die Kraft des Guten und drücken in den Gottesdiensten ihre Hoffnung auf eine Lösung ihrer Probleme aus.

 
     
 

Das Projekt:
Die Hilfswerke unterstützen die Arbeit der Pastoralequipe und kirchlichen Organisationen in der Gemeinde. Die Leute in den Mietskasernen kommen und gehen. Hausbesuche schaffen erste Kontakte. Doch die Organisationsarbeit ist schwierig. Weihnachten, Fastenzeit, Ostern sind Fixpunkte: Feiern und Time out. Zeit zum Nachdenken, Bibelgespräche und Weiterbildung. Es wachsen Gruppen heran. Die Frauen sind besonders aktiv. Sie verkaufen Mittagessen, betreiben einen Gemeinschaftsladen. Sie wollen Wasser und eine Schule für die Kinder. Der Bischof oder die Kirchenleitung verleiht den Anliegen der Gruppen bei der Stadtverwaltung mehr Gewicht. Weder die Arbeitslosigkeit noch die Gewalt verschwinden über Nacht. Das Wasser sprudelt nicht aus dem Hahn, ausser es wird etwas getan. Die Gemeinschaftsarbeit ist ein lautes Gebet, ein Schrei, der erhört wird. Irgendwie und irgendwann geht es dann anders weiter.

 
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